Die Welt, 20.11.2009

Getanzter Durchschnitt auf Kampnagel

 

Genauso hatten wir es uns vorgestellt: Das Durchschnittswohnzimmer der Deutschen - derzeit aufgebaut auch Teil der Schau "Fenomen Ikea" im Museum für Kunst und Gewerbe - besteht aus einer Couchgarnitur mit Fernseher und Tisch, Lampe, Computer, Stereoanlage. Und dass Polstermöbel vielfältige Reibungsflächen für den Tanz bedeuten können, haben zahlreiche Choreografen uns schon virtuos vorgeführt.

Doch darum geht es in Gudrun Langes Tanztheater "Die schnittige Menge" nicht. Die Residenzchoreografin am Zentrum für Choreografie auf Kampnagel, die den Prototyp jenes Zimmers auf ihre Bühne stellte, interessiert im Durchschnittsraum die Durchschnittsbewegung einer Durchschnittsfamilie aus Vater, Mutter (sie selbst) und jugendlichem Sohn. Und was man im Wohnzimmer alles so tut, von Lesen, Spiele spielen, im Sessel kuscheln, das hat wie auf dem Programmzettel aufgeführt, Ikea für uns detailliert aufgeschlüsselt. Strenge Vorgaben für ein Konzept, nach dem Lange ihre Choreographie konsequent ermittelt hat. Dafür, dass es nicht allzu spröde wird, den dreien in wechselnden Konstellationen beim Schlafen vor dem Fernseher zuzuschauen, sorgt schließlich dann doch eine gekonnt akrobatische Einlage des Sohnes mit Sprüngen und Purzelbäumen über Tisch und Sofalehnen.

Ansonsten hat der Tanz im Raster der zu vordergründig konstruierten choreografischen Idee wenig Chancen. Im Bemühen, präzise und nach gleichem Muster Handlungsvorgaben und Durchschnittswerte akribisch abzuarbeiten, lässt sich die Originalität im Alltäglichen selten blicken. Erst der Schluss, zu dem ein Haufen Mensch sich in einem Haufen Möbel verknotet, bringt einen erlösenden Lacher.

 

Hamburger Abendblatt, 20.11.2009

Zahme Experimente im Wohnzimmer

Von Klaus Witzeling

 

Hamburg - Die enge Welt des "deutschen Durchschnittswohnzimmers" misst sechs mal vier Meter, wie die Werbeagentur Jung von Matt ermittelt hat. Gudrun Lange nimmt diese Erkenntnis und eine Ikeastudie als Basis für ihre performative Versuchsanordnung "Die schnittige Menge". Im K3 - Zentrum für Choreografie in der Kampnagelfabrik führt sie die Statistik humorvoll, doch etwas zu zahm ad absurdum.

"Momentan ist richtig, momentan ist gut", grunzt behaglich Herbert Grönemeyer aus den Boxen. Drei Bilder von entspannendem Musikhören im Lehnstuhl: Jo Kappl lässt locker die Hände im Takt mittanzen, Sohnemann Markus Pendzialek memoriert fingerschnippend den Text. Und Mama Gudrun Lange dreht mal richtig auf. Individuelles gegen normatives Verhalten spielt sie in ihrem Residenz- Abschlussprojekt ironisch gegeneinander aus. Und lässt ihre Versuchskaninchen im hässlichen Einheitsringelpulli auf Signalton Variationen im Pofen vor der Glotze, Gruppenkuscheln, Lesen und Kabbeln exerzieren. Mehr Mut zur Satire hätte Gudrun Langes Experiment nach der Statistik gut getan.

 

Neue Rhein Zeitung, 29.05.2009

Ausdruck durch Tanz

Gudrun Lange inszenierte im FFT Juta affected by mit fünf jungen Frauen

Von Thomas Hag

 

Oh, der Ausdruckstanz, jene eigenwillige Kunstform, die in den Zwanziger Jahren den Tanz revolutionierte und solch eigenwillige Persönlichkeiten wie Martha Graham und Mary Wigman hervorbrachte. In Deutschland standen Gret Palucca und Dore Hoyer für diese expressionistische Form der Bewegung, die den Bühnentanz von seinen repräsentativen Zwängen befreite und Emotionen in Schritte umsetzte. Die Düsseldorfer Tänzerin und Choreographin Gudrun Lange hat sich nun eines der Stücke von Dore Hoyer angenommen, "Affectos Humanos" aus dem Winter 1961/62 und es mit fünf weiblichen Jugendlichen von 15 bis 18 auf die Bühne des FFT Juta gebracht. Dazu macht Club-DJ Christian Düchtel die Live-Musik. Auf seitlichen Monitoren sieht man rare Aufnahmen von Hoyer, Teile aus dem Programm, in dem sie die fünf menschlichen Leidenschaften darstellt: Eitelkeit, Begierde, Hass, Angst und Liebe. Die Bilder sind der historische Verweis, auf der Bühne bringen die jungen Frauen sie in die Gegenwart.

Die sind in Schulen ausgewählt worden, und seien an dieser Stelle auch alle erwähnt. Christina Bohmann, Minh Chau Cao, Lara Sadlo, Esther Schoenen, Victrice Teffel und Jodith Tesfaye, die auch noch beachtlichen Live-Gesang beisteuert, sind ein charmantes, wildes Quintett, das zu den Dancefloor-Rhythmen, die Bandbreite der Emotionen auslotet, ob sie nun in lässiger Tanzformation über die Bühne stolzieren, ob sie ihrer Wut in wildem Geschrei freien Lauf lassen oder sich wie Unterwasserwesen winden. Manchmal imitieren sie die Bewegungen des Vorbilds, aber immer wieder brechen sie die Vorgaben auf, denn für das heutige ästhetische Empfinden ist ja gerade das Ausdrucksvolle im Ausdruckstanz nicht mehr so recht nachvollziehbar. Aber es geht ja eben darum, von etwas inspiriert zu sein (affected by), und nicht darum, es nachzuahmen. Die Mädchen sind auch so emotional genug, dabei fast immer erstaunlich präzise, moderne Elemente aus dem HipHop fließen ein, ohne das krampfhaft modernisiert wird. Das geschieht auf sehr natürliche Weise beinahe wie von selbst. Langen, begeisterten Beifall gab es für dieses sympathische "re-enactment", und nicht nur von Freunden und Familie.

 

Giessener Allgemeine Zeitung, Dienstag, 13.05.2008

Ein Zapper-Solo und anderes Verblüffendes

TanzArt ostwest-Festival an Pfingsten stieß auf begeistertes Publikum

(Auszug)

 

[...] Den Einstieg machte jedoch ein Stück ganz anderer Art. Das Solo von Gudrun Lange, die aus Gießen stammende Gründerin und Choreografin der gleichnamigen Düsseldorfer Compagnie, entführt in einen kurzweiligen "Fernsehabend", der vom Zappen durch die Sendekanäle geprägt ist. Wie eine Hör-Collage imitiert sie die TV-Protagonisten mit präziser Körpersprache, perfekter Mimik und dem Mitsprechen einiger Stimmen. Da sind dramatische Verfolgungsjagden aus Krimiserien, affektierte Modenschauen, kernige Sportsendungen oder sachliche Dokumentationen. Interessant wird es an Bruchstellen, wenn sie etwa eine Politikerrede mit den sexualisierten Bewegungen einer Popsängerin unterlegt. [...]

 

Neue Rhein Zeitung, Freitag, 23.05.2008

Gegen die Wände

Tanz. Auch die 27. Auflage des TanzTank bot jetzt wieder Sehenswertes

(Auszug)

 

[...] Gudrun Lange schließlich hat ferngesehen, eine halbe Stunde lang. Zapping nennt man das, aber die Tänzerin hat den Ton aufgenommen und bebildert ihn gleichsam mit sich selbst. Allein auf der Bühne, mit nichts als dem Schwall aus den Lautsprechern, gelingt ihr vor allem eine beachtliche schauspielerische Leistung, wenn sie lippensynchron die Sätze aus Talkshows mitspricht, aus Krimis, oder, besonders gelungen, die Unsinnigkeiten der TV-Sterndeuter.

Auch als Popstar kann sie agieren, lächelt verführerisch, bricht harsch Soundfetzen ab, bevor man sich in ihnen einrichten kann, trotz der Vielfalt langweilt deren Angebot.

Nicht allerdings das von Gudrun Lange, auch wenn vieles von ihrem "Fernsehabend" unterhaltsame Pantomime bleibt. Doch dann wirbelt Lange durch den Raum, als könne sie die gesammelten Trivialitäten nicht mehr ertragen, prallt auch hier letzten Endes gegen die Wände. Herzlichen Beifall gab es für alle drei Performances dieses TanzTanks.

 

Rheinische Post, Freitag, 04.04.08

Hip- Hop mit akrobatischen Einlagen

Von Stephanie Becker

 

Vier Tänzer wärmen sich auf der Bühne auf. Ihre Kleidung könnte auch auf eine Probensituation hindeuten: Trainingshose und T-Shirt lassen keinen Hauch von glamourösem Styling erkennen. Am Rand stehen Wasserflaschen und Plastikschüsseln. Handtücher liegen herum. Nichts lässt einen Abend zum Thema Hip-Hop vermuten. Die Choreografin Gudrun Lange ließ sich jedoch für ihre neue Produktion "skillz / no skillz" von Videoclips des Mainstream-Hip Hops inspirieren. Im Forum Freies Theater präsentierte sie nun ihre eigenwilligen Interpretationen gängiger MTV- Bilder und löst dabei den Hip- Hop in seine Bestandteile auf. Als Form dafür wählen sie und ihre Gang zehn kurze Sequenzen mit unterschiedlichen Dauern. Dauer und Reihenfolge der einzelnen Live-Clips losen die Tänzer bei jeder Aufführung neu aus. Das Thema "Posing" zum Beispiel soll acht Minuten lang gezeigt werden. Im Hintergrund ist ein projiziertes Foto mit vier posierenden Bikini-Bitches zu sehen. Die Tänzer stellen sich in typische Posen nebeneinander auf. Rhythmisch aneinander gereiht, ergeben die Posen einen minimalistischen Tanz. Immer wieder bricht jedoch einer der Tänzer aus und vollführt akrobatische Sprünge und Drehungen. Eine andere Sequenz zum Thema "Shake your Booty" dauert sechs Minuten. Die Tänzer stehen wieder in einer Reihe, schütteln ihre Körper: Die Hüften zittern, der Po vibriert, der Oberkörper wackelt, der Schweiß spritzt. Am Ende sind alle der Erschöpfung nah.

Nach einer kurzen Trinkpause allerdings losen sie die nächste Sequenz aus. Musikalisch tragen Kompositionen des Musikers Jörg Ritzenhoff den Abend. Auch er spielt mit einzelnen Hip-Hop-Komponenten und findet sehr eigene, elektronisch geprägte Interpretationen.

Lange gelingt mit ihrem brillanten Ensemble insgesamt eine äußerst unterhaltsame Dekonstruktion der gängigen Hip-Hop-Klischees. Humorvoll brechen sie immer wieder die gängigen Bewegungsstereotypen und Rollenklischees von Hip-Hop-Videos auf. Besonders spannend aber ist der Gegensatz zwischen den Fotos im Hintergrund und den Tänzern auf der Bühne: Auf den Fotos die bis zur Perfektion gestylten makellosen Körper - und auf der Bühne die leibhaftigen Tänzer mit ihren Ecken und Kanten, unfrisierten Haaren und der Trainingskleidung.

 

Neue Rhein Zeitung, Samstag, 24.02.2007

Joggen, Bauen, Forschen

Premiere. Heimspiel: Gudrun Lange präsentierte am Donnerstag ihre Choreografie "Pimp Your Dance" im Juta.

Von Thomas Hag

 

Eines schon mal vorweg: Mit der MTV-Reihe "Pimp Your Car" (Motz dein Auto auf) hat das neue Stück der Düsseldorfer Choreografin Gudrun Lange nicht sehr viel gemeinsam. Es ist eher ein ironischer Kommentar zum Auf- und Hochstylen, zur grellen Tünche auf rostigem Chassis. Langes Arbeit, die am Donnerstagabend im FFT Juta Premiere hatte, ist eher ein sprödes, reduziertes Stück Tanz, das wenig auf Effekthascherisches und Aufgemotztes setzt - und sogar klugerweise einige der Fallen des selbstgewählten Themas umgeht.

Strategien des Glücks

Es geht um "die Jagd nach einem Lebensgefühl", so der Programmzettel, um den Druck, sein Leben ausfüllen zu müssen. Dafür hängen die drei beeindruckenden Tänzerinnen Lisa Gropp, Nina Patricia Hänel und Berit Jentzsch auch mal buchstäblich in den Seilen, in fleischfarbenen Trikots bewegen sie sich eine gute Stunde wie Marionetten an Fäden über die Bühne, erkunden allein oder zusammen Strategien des Glücks.

In der Mitte finden sie das, was ihnen Beschäftigung und Suche zugleich ist, Papier, das man sich in Strumpfhosen stopfen kann, bis man wie eine Lumpenpuppe über den Boden stolpert, Karton, aus dem sich eine Behausung bauen lässt, Holzstangen, die den geeigneten Rahmen abgeben. Die Musik bewegt sich am Anfang zwischen E-Musik und Elektro, nur um später fast ganz zu verstummen, "Love, This is My Song" ist so leise, dass man sich fast fragt, ob es nicht aus einem anderen Teil des Gebäudes herüberweht.

Wenn sich die Tänzerinnen fast staccatohaft bewegen, und der Versuchung widerstehen, Jogging oder Gymnastik allzu pantomimisch darzustellen, um dann wieder aneinander Halt zu suchen, ist "Pimp Your Dance" auf poetische Weise sehr streng und sehr überzeugend. Die Schwierigkeiten befinden sich eher in der Beschäftigung mit den Gegenständen. Da sind Abläufe vorhersehbar und entfalten wenig eigene Ästhetik, da scheint es, als seien Ideen zu sehr ausgereizt worden.

Leben, das aus der Balance geraten ist, findet sich dafür in anderen Passagen, da gibt es schöne Bilder vom ewigen Versuch, das Gleichgewicht oder die Mitte zu finden. Ob Gudrun Lange, das überhaupt für einen erstrebenswerten Zustand hält, ist nun wieder eine andere Frage.

 

Rheinische Post, Samstag, 24.02.2007

FFT Juta: Ringen um Balance

Von Regine Müller

 

Der postmoderne Mensch des 21. Jahrhunderts sorgt sich nicht nur um Globalisierung, Hartz IV und die Erd-Erwärmung, er kreist vor allem ängstlich hegend um sich selbst. Wellness und ganze Industriezweige esoterischer Psycho- Dienstleister bedienen das Verlangen nach Ausgeglichenheit und innerer Balance. Ein schönes Thema für einen Tanzabend.

Der Ankündigungstext für Gudrun Langes Tanztheaterabend "Pimp Your Dance", der nun im Juta-Theater Premiere hatte, nimmt den Mund zu voll: Von "Work-Life-Balance" ist da die Rede. Tatsächlich bleibt der Abend ziemlich abstrakt und tritt über weite Strecken auf der Stelle.

Zu Beginn hängen die drei Tänzerinnen (Lisa Gropp, Nina Patricia Hänel, Berit Jentzsch) in verdrehten Positionen in von der Decke baumelnden Schaukeln, flankiert von losen Papierbergen und Schnüren mit Holzlatten. Sollen das die Spielschnüre von Marionetten sein? Wie Puppen bewegen sich die Tänzerinnen anfangs auch, mit leeren Gesichtern versuchen sie sich an klassischen Bewegungsabläufen, knicken aber immer wieder plötzlich weg, sacken zur Seite, werden wie von unsichtbarer Hand umgerissen, fallen und stehen wieder auf. Nach Baustellengedröhn vom Band hauchen nun verfremdete Gesualdo- Madrigalfetzen durch den dunklen Raum (Komposition: Jörg Ritzenhoff). So geht es eine Weile fort mit dem anmutig anzuschauenden beständigen Scheitern, die Balance zu finden.

Doch dann fangen die Tänzerinnen das Basteln an, wodurch sich aber immerhin Sinn und Zweck des seltsamen Zwiebel-Looks ihrer Trikots erklärt. Aus hautfarbenem Feinstrumpfmaterial tragen sie etliche Lagen von Stulpen, Hemdchen und Leggings übereinander, die von ferne an Bandagen aus dem Sanitätshaus erinnern. Das Material jedoch ist erstaunlich stabil. Man kann damit ein Papphaus zusammenschnüren, und man kann sich die Beinkleider derart mit dem reichlich vorhandenen Papier ausstopfen, dass man die Figur eines Sumo- Ringers erreicht. So wird die anfänglich ganz abstrakte Bewegungsstudie zum Thema Balanceverlust durch die Erweiterung ins Szenische zwar konkreter, aber auch kleinteiliger und leider auch alberner, ohne zu erfrischender Ironie zu finden. Dennoch herzliche Zustimmung im gut besuchten Juta.

 

Westdeutsche Zeitung, Freitag, 17.02.2006

Im Tanz mit dem Reinigungsroboter

Gudrun Lange zeigt im FFT ihr Solo "Schmutz"

Von Klaus M. Schmid

 

Sie verschwitzt ein Shirt nach dem anderen, sie schmeißt Trinkbecher achtlos weg, sie müllt den Bühnenraum mit dem Inhalt eines kompletten Kleenex- Kartons zu. Sie produziert am laufenden Meter Müll. Die Düsseldorfer Tänzerin und Choreographin Gudrun Lange zeigt jetzt im Forum Freies Theater(FFT) ihre erste Soloproduktion "Schmutz", und man kommt aus dem Schmunzeln gar nicht mehr heraus. Ja, man würde sogar des öfteren laut losprusten, wenn sich die anderen nur auch trauen würden. Aber sie trauen sich nicht, schließlich sind wir ja im Tanztheater, und da gibt es nur selten was zu lachen.

Vielleicht will sie das ja gar nicht so gerne hören. Aber was Gudrun Lange da gelungen ist, ist einfach eine wunderbare Clownerie, nicht ohne künstlerischen Tiefgang. Stoisch arbeitet sie sich an einem Programm ab, das das Scheitern zum Prinzip erklärt, also das nicht Gelungene ausstellt. Eine Passage aus dem klassischen Ballett "Cinderella" tanzt Lange vor, und die sitzt zunächst auch. Gudrun Lange ist das Gegenteil von ballerinen-schlank, das tut ihrer Anmut keinen Abbruch. Aber wenn der Recorder die Musik zu zerstückeln beginnt und damit die Tänzerin ins Schleudern bringt, dann wird´s wirklich komisch.

Das Reinigen oder vielmehr der Versuch der Reinigung der quadratischen weißen Tanzfläche mit Papiertüchern wird zu einem weiteren Highlight, am lustigsten aber gerät der Pas de Deux der Performance, bei der ein fahrbarer Bodenreinigungsroboter vergeblich versucht, den Umarmungen der Lange zu entkommen.

Natürlich spielt die Tänzerin auch damit, dass ihre Körpermaße weder dem Ballerinen- Ideal noch den erpresserischen Modelbildern der Hochglanzmagazine entsprechen - indem sie auf ihre üppigen Proportionen noch dick aufträgt, gewissermaßen. Die vielen Papiertücher stopft sie sich zeitweise über Busen und Po, was ihr die Dimensionen einer monströsen Puppe verleiht. So etwas wie "Schmutz" hat man noch nicht gesehen. Eine getanzte Clownerie eben. Wunderbar.

 

Rheinische Post, Freitag, 23.09.05

In Peru oder in Bosnien - "Aua" versteht jeder

Von Anja Raudonat

 

Warum bewegen wir uns? "Beweggründe" ist der Titel, das zentrale Thema des Tanztheaters von Gudrun Lange, das bei der Projektreihe "Der neue Orient" im Juta gezeigt wird. Sechs Jugendliche aus Peru, Griechenland, Bosnien, Deutschland und den Iran versuchen, dieser Frage auf den Grund zu gehen. Sie bringen ihr eigene Kultur ein, öffnen sich der Kultur der anderen und präsentieren so in einer Choreografie und Soloauftritten einen gelungenen Mittelweg zwischen Anpassung und Individualität.

Interkulturelle Kommunikation findet hier auf der Bühne auf hohem Niveau statt; die Darsteller bringen einander traditionelle Tänze bei, und amüsant wird es, wenn jeder den Ausruf "Aua!" versteht, egal woher er kommt. Das Stück lebt von der Bewegung, kommt nahezu ohne Worte aus - und die Handlung ist trotzdem klar. Durch Tanz, Pantomime, Klavierspiel und zwei Gesangseinlagen bringen die Figuren Gefühle zum Ausdruck.

Die Botschaft des Stücks ist: Man braucht nicht immer Worte, um zu kommunizieren. Die Charaktere sind authentisch, die Darsteller spielen sich selbst - und geben damit ein Stück ihrer Persönlichkeit preis. Die Melancholie des Klavierstücks, das Andreas Niederprüm zum Besten gibt, gewährt dem Publikum einen Blick in sein Innerstes, und jeder Zuschauer erkennt nach der Aufführung, dass Anousheh Torkaman Abdari, eine der Darstellerinnen, in natura genau so frech und aufgeweckt ist, wie er sie auf der Bühne kennen gelernt hat.

Die Choreografin Gudrun Lange kann nach ihrem Tanztheaterstück "ádieu", das zum "Impulse"- Festival eingeladen wurde, einen weiteren Erfolg für sich verbuchen.

 

Westfälische Rundschau, Montag, 29.04.2002

Theaterzwang: Preis der WR an Tänzerin

 

Kann die sich freuen! Die Düsseldorferin Gudrun Lange hat beim Festival "Theaterzwang" den Preis für die beste darstellerische Leistung gewonnen - und konnte es einfach nicht fassen.

Der Preis wird traditionell von der WESTFäLISCHEN RUNDSCHAU vergeben und ist mit 1500,- Euro dotiert. Die Tänzerin Lange ist Mitglied des "Lalun Ensemble" und war in der Titelrolle der Aufführung "Poppäa" zu sehen.

 

WDR 3, 21.02.2007

RESONANZEN

Von der Schönheit im Tanz

Manuskript von Nicole Strecker

 

Mit fünf beginnt der Kleinmädchen-Traum in Rosa: Ballerina sein, das heißt: eine andere Art Prinzessin sein, auf Spitzenschuhen trippeln, sich mit Tütü-Tüll umhüllen, bewundert werden. Mit acht wird das Training härter, mit 14 kann aus dem Hobby ein realistischer Berufswunsch werden - und dann beginnt der Kampf mit dem Körper, seinem Gewicht, seinen Formen und Maßen. Die Schönheit und die Idealproportionen - so sehr der Tanz selbst heutige Körperbilder immer wieder problematisiert, in der Ausbildung wird nach wie vor nach Perfektion gestrebt. Jetzt haben zwei Bühnen in NRW Tanzstücke ins Programm genommen, die den heutigen Schönheitswahn im allgemeinen und den im Tanz im Speziellen reflektieren: In Bonn hat der renommierte Choreograf Stephan Thoss eine neue Version des Ballettklassikers "Coppélia" choreografiert: "Das Mädchen mit den Email-Augen" heißt seine Produktion, für das Choreografische Theater Bonn. Und in Düsseldorf zeigt die dort beheimatete Choreografin Gudrun Lange ihr Tanzstück "Pimp your Dance" - "pimp" steht dabei für unseren Druck zur Selbst-Optimierung. Nicole Strecker hat Proben zu den beiden Tanzproduktionen besucht und sich mit den Choreografen über das Thema Schönheit im Tanz unterhalten.

Kein anderes Genre eignet sich besser unsere Körperkultur zu reflektieren als der Tanz. Doch was er heute kritisiert, hat er selbst lange Zeit gefeiert: Tanz als Bühnenkunst strebt nach virtuoser Körperbeherrschung, Perfektion und Kontrolle und er erhebt die idealen Proportionen zur Doktrin - eine Erfahrung, die auch die Düsseldorfer Choreografin Gudrun Lange machen mußte. Gefragt, was sie am Thema Schönheit interessiert, antwortet sie:

O-Ton Lange: Weil ich eben in Rotterdam studiert habe, in Holland, und von der Schule geflogen bin, weil ich nicht abgenommen habe. Also diese Art von Auseinandersetzung, was der Körper sein soll und welche Körper auf die Bühne dürfen, begleitet mich mein gesamtes professionelles Leben.

Musik aus "Pimp Your Dance" + Autorin: "Pimp your Dance" heißt die Produktion, die Gudrun Lange derzeit am Düsseldorfer Forum Freies Theater erarbeitet. Drei Tänzerinnen sitzen zu Beginn auf Schaukeln wie verwaiste Schaufensterpuppen. Die Finger sind unnatürlich gespreizt, ein Kopf ist verdreht, der Leib posiert in stolzer Starre. Gekleidet sind die drei Tänzerinnen komplett in Kostüme aus Seidenstrumpfhosen - kratziges, fieses Material, das sich an den Gelenken unbequem rollt.

O-Ton Lange: Ein changierendes Moment zwischen Natürlichkeit und absoluter Künstlichkeit sind hautfarbene Strumpfhosen, also es gibt immer wieder vor, eigentlich nicht da zu sein und gleichzeitig ist es halt super-einzwängend. Absolut besetzt mit diesem ganzen Tanzhintergrund, also ob jetzt klassisches Ballett oder Standardtänzer, die immer diese hautfarbenen Stretch-Teile eingenäht haben, damit es so aussieht wie Haut, aber keine Haut ist. Da genau für den Zwischenmoment steht es.

Autorin: In Gudrun Langes Idealvorstellung kennt wahre Schönheit keine Künstlichkeit, und mit ihrem Tanz will sie sich auch immer wieder für diese natürliche Schönheit einsetzen. Aber nicht erst seit dem Boom der plastischen Chirurgie gehört zur Schönheit auch die Lüge. Und noch etwas wird von vielen zeitgenössischen Choreografen als problematisch empfunden: Schönheit ist affirmativ, sie wirkt harmonisierend und gefällig. Wie Kritik üben, wie subversiv sein mit Schönheit? Choreografinnen wie Sasha Waltz oder Meg Stuart haben deshalb in ihren Stücken den zerteilten Körper gezeigt, das Objekthafte des Leibes, sein pures Fleisch, seine Oberflächen. [...] Schönheit braucht die Pose, den Stillstand. Tanz und Bewegung können dem entgegenwirken - das findet auch Gudrun Lange.

Musik aus "Pimp Your Dance" + O-Ton Lange: Perfektion, Schönheit sind alles Sachen, die eben nur vielleicht in einem Moment entstehen können und dann wieder weg sind. ... Und ... mit dem Hadern mit diesem Momenthaften hat dieser Abend sehr viel zu tun. Sich zwischen Bild und Bewegung befinden. Mit dem Nicht-im-Bild-sein-können, weil man eben Dreidimensional ist und ein Herz hat, das schlägt.

Musik aus "Pimp Your Dance" + Autorin: Gudrun Langes Performerinnen kämpfen um die perfekte Balance, aber erreichen sie nie. Immer kippen sie aus den selbstgewählten komplizierten Posen, schlagen hart auf dem Boden auf, scheitern an den eigenen Ansprüchen. Bei Stephan Thoss scheitern die Tänzer an ihren Gefühlen, an der Unmöglichkeit zu lieben jenseits der ästhetischen Perfektion. Das Streben nach der Makellosigkeit einer Puppe - der Tanz zeigt hier wie dort: Solche Schönheit ist desaströs.